Neue Wege – Eine Weihnachtsgeschichte


 

Wieder stand sie am Fenster und schaute nach draußen in den Nebel. Alles schien so geheimnisvoll und unwirklich und ihre Gedanken begannen zu schweifen. Ganz in sich selbst versunken war ihr Blick in die Nebelwelt gerichtet, doch dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, in dem sich die Spuren eines langen Lebens eingegraben hatten, und ihre Augen begannen zu leuchten. Sie erinnerte sich.

Alles begann vor einem Jahr, wieder stand die Weihnachtszeit vor der Tür, doch ihr Herz war leer. Genauso leer wie das Haus, das sie bewohnte. Das Lachen und die Freude waren aus ihrem Leben verschwunden, seitdem ihr Mann gestorben war. Vierzig Jahre lebten sie gemeinsam in dem kleinen Haus am Stadtrand. Sie hatten sich hier ein Heim aufgebaut, ein kleines Nest für ihre Kinder. Um sie herum brauste das Leben, andere junge Familien waren wie sie an den Stadtrand gezogen und das Neubaugebiet füllte sich mit Leben. Häuser wurden gebaut, Gärten angelegt und Bäume wurden gepflanzt. Kinder spielten auf den Wegen und füllten den Tag mit ihrem Lachen, Schreien und Weinen. Es entwickelten sich Freundschaften zwischen Kindern, Eltern und Nachbarn; eine kleine Gemeinschaft entstand. Man traf sich beim Einkaufen, auf dem Spielplatz, am Bus, im Supermarkt oder einfach auf der Straße. Oder man feierte gemeinsam Feste wie das jährliche Straßenfest oder die Weihnachtsfeier mit dem Krippenspiel der Kinder in der Kirche. Das Viertel war lebendig und sie fühlte sich wohl, hier war ihr Platz. 

Doch mit den Jahren veränderte sich vieles. Die Bäume wuchsen in die Höhe, die Gärten schlossen die Häuser, die in die Jahre gekommen waren, wie unüberwindbare Mauern ein. Das Kinderlachen war aus den Straßen verschwunden, man sah fast keine Kinder mehr. Die Spielplätze waren verwaist und in einem schlechten Zustand. Die Kinder waren nun erwachsen und hatten ihre eigenen Familien. Genau wie ihre Kinder, die lebten nun weit weg in den USA und in Schweden. Sie sahen sich so selten. Ihre jüngste Enkeltochter hatte sie noch nie gesehen. Ja, da waren die Fotos, die Anrufe, doch noch nie hatte sie das Kind in ihren Armen gehalten und seine Wärme gespürt. Das bedauerte sie sehr. Als dann vor zwei Jahren ihr Mann, den sie aufopferungsvoll gepflegt hatte, nach langer Krankheit starb, brach ihre Welt zusammen. Mit der Pflege ihres Mannes hatte sie eine Aufgabe, die ihren Tag ausfüllte und sie anspornte. Dabei stellte sie ihre eigenen Gebrechen in den Hintergrund und beachtete sie nicht. Nach seinem Tod war alles anders. Ihr wurde bewusst, dass auch an ihr die Zeit nicht spurlos vorbeigegangen war. Das Gehen bereitete ihr zunehmend Schwierigkeiten und ihr Rückenleiden verschlimmerte sich. Das Haus verließ sie nun nur noch mit dem Rollator, gegen den sie sich zu Beginn so gesträubt hatte. Aber auch das war sehr mühsam für sie. Sie brauchte nun für die einfachsten Dinge viel mehr Zeit. Auch ihre Arme konnte sie nur schwerlich nach oben strecken, um die verschiedensten Sachen aus den Schränken und Regalen zu nehmen. Alles wurde ihr zur Last. So auch ihr wunderschöner Garten, in dem sie immer so gerne gearbeitet hatte. Der Alltag bereitete ihr zunehmend Schwierigkeiten. Aber mit diesen Problemen stand sie nicht alleine da. In ihrer Nachbarschaft wohnten nun überwiegend ältere Frauen, die wie sie verwitwet waren und mit ähnlichen Problemen kämpften. Es war still und leer in den Straßen und den Häusern geworden. Diesen Häusern und Gärten, die nun viel zu groß für eine Person waren. Sie standen leer und wurden für ihre Bewohner zunehmend zur Last. 

Sie erinnerte sich noch genau an den Tag, als ihr Leben sich änderte. Es war im Supermarkt, als sie das Gespräch der jungen Frau, die vor ihr an der Kasse stand, mit anhörte. Sie sprach von einem neuen Projekt der Hochschule ihrer Stadt. Es ging darum, neuen Wohnraum für die vielen Studenten, die sich vergebens um ein Zimmer oder eine Wohnung bemühten, zu schaffen. Die junge Frau legte Handzettel an der Kasse aus und hängte ein Plakat an die Infowand. Irgendetwas bewegte die alte Frau dazu, sich einen Zettel mitzunehmen.  Zuhause las sie ihn sorgfältig und je öfter sie ihn las, desto sicherer wurde ihr Entschluss. Ihr Haus war viel zu groß für sie und die Zimmer oben standen nun leer. Sie hatte sich auf das untere Stockwerk zurückgezogen. Ja, sie war entschlossen, an dem neuartigen Projekt teilzunehmen. Sie wollte ihren Wohnraum für Mithilfe im Haus und Garten zu Verfügung stellen. Je mehr sie darüber nachdachte, desto lebendiger fühlte sie sich. Sie schob alle Bedenken zur Seite, sie war entschlossen und rief die Nummer an. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so sicher gefühlt, sie nahm ihre Zukunft wieder in die eigene Hand. Von da an ging alles sehr schnell.

Es stellten sich verschiedene junge Leute vor, doch bei einer jungen Frau sprang der Funke gleich über. Sie erinnerte sie an ihre Tochter. Die Studentin zögerte, dann erklärte sie der alten Frau, dass sie nicht alleine wäre und gerne mit ihrem Freund einziehen würde. Aber das spielte für die alte Frau heute keine Rolle mehr. Früher hätte sie ganz anders darüber gedacht, aber das war eine andere Zeit. Nun war sie überglücklich, dass sie nicht mehr allein war. Die jungen Leute zogen bei ihr ein. Sie halfen ihr bei den Einkäufen, im Haushalt und im Garten. Es tat gut, wieder Schritte im Haus zu hören und zu spüren, dass das Leben wieder zurückgekehrt war. Es waren die kleinen Dinge, die täglichen Begegnungen, die Gespräche, die sich daraus ergaben, die sie aus ihrer Einsamkeit herausholten, sie lebte wieder auf. Auch als sie überraschend ins Krankenhaus musste, kümmerten die jungen Leute sich rührend um sie und versorgten das Haus. Sie wusste, dass sie sich richtig entschieden hatte und all die schlechten Befürchtungen waren nicht eingetroffen. 

Selbst ihre Kinder, die zu Beginn mit ihrer Entscheidung überhaupt nicht einverstanden waren, hatten sich nun mit der Situation abgefunden, ja man konnte sogar sagen, sie waren damit zufrieden. Die alte Frau blühte wieder auf, genau wie ihr Garten. Die jungen Leute halfen ihr und sie fühlte sich bei ihnen wohl. Im Sommer veranstalteten sie Gartenfest. Die Freunde des jungen Paares kamen, sowie die Bekannten der alten Dame, die wenigen, die ihr noch geblieben waren. Die jungen Leute hatten einen Fahrdienst eingerichtet und alle abgeholt und später wieder nach Hause gebracht. Sie erinnerte sich, dass es ein wunderschöner Tag für sie war. Aber als das junge Paar ihr die Neuigkeit erzählte, dass ein Baby unterwegs wäre, hätte sie laut schreien können vor Glück. Das war eine wunderbare Nachricht. Sie freute sich mit dem Paar über ihr Glück. Sie dachte sofort an die Babywiege, die noch oben auf dem Speicher stand und bot sie dem jungen Paar an. Sie hätte ihnen damit keine größere Freude machen können. Nun erlebte die alte Frau all die Höhen und Tiefen während einer Schwangerschaft mit, sie konnte trösten und zuhören und nun etwas von dem zurückgeben, was ihr selbst geschenkt wurde. Es entstand eine tiefe Verbundenheit zwischen der alten Frau und dem jungen Paar. Kurz vor Weihnachten war es soweit, das Wunder war geschehen und ein kleiner Mensch erblickte das Licht der Welt. Die Eltern waren überglücklich. Es kam Leben ins Haus. Verwandte, Freunde und Bekannte kamen, um das Baby willkommen zu heißen und sie war mitten drin.

Heute stand sie am Fenster schaute hinaus in den Nebel und ihr Herz war gefüllt mit Freude. Hinter ihr strahlte der kleine Weihnachtsbaum und daneben schaukelte ihre Wiege mit dem kleinen Baby sanft hin und her. Heute feierte sie Weihnachten nicht allein, sondern mit den jungen Eltern. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Draußen fiel der erste Schnee und in ihrem Herzen erstrahlte die Weihnachtsfreude und sie war glücklich.